Die Blockchain-Revolution

Internet des Vertrauens

Blog Post
Von Dr. Klaus Manhart    17. März 2017
Dr. Klaus Manhart hat an der LMU München Logik/Wissenschaftstheorie studiert. Seit 1999 ist er freier Fachautor für IT und Wissenschaft und seit 2005 Lehrbeauftragter an der Uni München für Computersimulation. Schwerpunkte im Bereich IT-Journalismus sind Internet, Business-Computing, Linux und Mobilanwendungen.
Eine Welt ohne Geld, Makler und Vermittler: Blockchain könnte das „nächste große Ding“ werden und die Transaktion von digitalen Gütern und Werten radikal vereinfachen. Was aber bedeutet das für Unternehmen?

Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der Sie kein Geld für Einkäufe benötigen. Weder Ihre Geldbörse noch Ihre EC- oder Kreditkarte. Banken, Paypal, Visa sind überflüssig und gibt es vielleicht gar nicht mehr. Autos, Häuser, Diamanten können den Besitzer wechseln - ohne Verkäufer, Makler oder irgendwelche Kontrollinstanzen.

Der Technologie-Enabler für solche Szenarien ist Blockchain. Blockchain gilt als größte Erneuerung seit der Erfindung des Internet: Das, was bisher Verkäufer und Vermittler erledigen, wird in wenigen Sekunden von Rechnern abgearbeitet, fehlerfrei und lückenlos nachweisbar.

Blockchain funktioniert wie eine Art Kassenbuch. Wenn Person X einer Person Y Geld gibt, wird diese Transaktion auf den Computern aller dokumentiert, die an der Blockchain beteiligt sind. Das Analoge passiert, wenn Y später das Geld an Z weiterreicht. Alle diese Daten werden dezentral gespeichert. So entsteht nach und nach eine Kette von Datenblöcken („Blockchains“), an denen nachträglich nichts gelöscht oder geändert werden kann.

Mit diesem Prozedere entfällt die Notwendigkeit, Zahlungen über Kontrollpunkte schleusen zu müssen. Die Kontrolle übernimmt das System selbst: Blockchain ist zu 100 Prozent transparent, verfügt über wasserdichte Nachweise jeder Transaktion und kann weder manipuliert noch gehackt werden.

Verteilung von Vertrauen

Bitcoin war quasi die erste „Version“ dieser Technologie und hat Blockchain populär gemacht. Es demonstrierte eindrucksvoll deren Sicherheit und Stabilität. Zwar ist Bitcoin durch dubiose Geschäfte in Verruf geraten, aber das spricht nicht grundsätzlich gegen das zugrunde liegende Framework.

Während Blockchain die Technologie ist, die Bitcoin und andere digitale Währungen antreibt, hat das dahinter stehende Framework das Potenzial, weit über diese hinauszugehen und praktisch alles, was für die Menschheit einen Wert bedeutet, sicher zu transferieren: Von Geburts- und Sterbeurkunden bis hin zu Haftungsansprüchen und sogar Wählerstimmen.

Blockchain kann damit zur Plattform für den anonymen Peer-to-Peer-Austausch von Werten über eine nicht-hackbare, verteilte Datenbank werden. Menschen können damit alle erdenklichen Geschäfte miteinander tätigen und Verträge schließen, auch wenn sie sich nicht kennen und einander nicht trauen. Don und Alex Tapscott, Autoren des Buchs "Blockchain Revolution", sprechen in einem Interview mit dem Woolmagazine von der "Verteilung von Vertrauen" und von Blockchain als einer "Plattform für Wahrheit und Vertrauen". Für die Autoren stehen wir damit vor dem Übergang von einem "Internet of Information" zu einem "Internet of Value".

Disruption in der Finanzwelt

Wir können heute davon ausgehen, dass viele digitale Vermögenswerte künftig über Blockchains abgewickelt werden. Viele außergewöhnliche Anwendungsfälle gibt es heute schon. Unternehmen wie Factom und Bitfury ermöglichen es Menschen in Entwicklungsländern, ihre Grundbucheinträge auf einer Blockchain zu speichern, damit ihnen korrupte Regierungsbeamte nicht ihr Land stehlen können.

Dienstleister wie Abra oder Paycase verwenden Blockchains, um in einer globalen Diaspora Zahlungen effizient abzuwickeln. Diasporas sind Gemeinschaften von Menschen, die ihre Herkunftsländer verlassen haben. Mit Blockchain können sie Geldbeträge zurück zu ihren angestammten Ländern für 2 Prozent anstatt der üblichen 15 Prozent Transaktionsgebühren überweisen.

In die etablierten Unternehmen kommt Blockchain mit einem gewaltigen disruptiven Anspruch. Zunächst vor allem bei den Finanzdienstleistern. Anbieter wie Western Union beginnen, ihr gesamtes Geschäftsmodell umzubauen. Kleine Fintechs sehen ihre Chance, den Großbanken Paroli bieten zu können.

Jede größere Bank tüftelt inzwischen an Blockchain-Produkten, ganze Staaten überlegen, wie sie Grundbücher in eine Blockchain umbauen. Kreditinstitute, Risikomanagement, Investment Banking, Treasury Services, Versicherungen und Asset Management werden alle den Blockchain-Effekt spüren.

Transaktionen werden einfacher

Finanztransaktionen sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Rezeptbetrug verhindern, E-Autos aufladen, sogar heiraten - alles ist inzwischen mit Blockchain möglich. Dabei ist das vielleicht wirklich Innovative an Blockchain, dass sich Unternehmen damit künftig ganz neu organisieren können, behaupten Don und Alex Tapscott.

Einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt Unternehmen haben, so die beiden Autoren, sind die Transaktionskosten. Das sind sämtliche Kosten, die im Kontext eines Geschäftsabschlusses und der Übertragung von Gütern anfallen. Also die Ausgaben, die nicht bei der Herstellung von Gütern, sondern bei deren Übertragung auf Wirtschaftssubjekte anfallen: Ausgaben für Kontrakte, Vertrieb etc. Diese Kosten sind immens: Es kostet eine Menge Aufwand und Geld, mit Geschäftspartnern zu verhandeln, sich durchzusetzen, Vereinbarungen zwischen den Parteien abzuschließen und die Produkte an die Abnehmer zu bringen.

Blockchain könnte das alles ändern und einfacher machen. Mit dem Aufstieg einer globalen Peer-to-Peer-Plattform für Identität, Vertrauen und Reputation können Wirtschaftstransaktionen und damit die Unternehmensstrukturen völlig neu und viel effizienter gestaltet werden. Dies bedeutet nicht, dass Unternehmen weniger Umsätze machen werden. Im Gegenteil: Es bedeutet nur, dass die Transaktionskosten minimiert werden und die Verteilung der Unternehmenserzeugnisse viel einfacher wird. Unternehmen müssten sich allerdings völlig umstrukturieren: Statt der vertikal integrierten Hierarchien des industriellen Zeitalters sehen Unternehmen des 21. Jahrhunderts dann eher aus wie Netzwerke.

Mehr zum Thema Blockchain und weitere Informationen zu Anwendungsgebieten finden Sie bei Blockchain@Wipro.